texte.frank-maibaum.de

»Startseite  »Besondere-Literatur  »Gibran-Bücher:  »Lazarus-Drama-Beschreibung Lazarus-Drama-deutsch  »Lazarus-Englisch »Kontakt

LAZARUS UND SEINE GELIEBTE
von Kahlil Gibran

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Maibaum

Khalil Gibran

Die Besetzung
• Lazarus
• Maria, seine Schwester
• Martha, seine Schwester
• Mutter des Lazarus
• Philippus, ein Jünger
• Der Narr

Die Bühne
Der Garten vor dem Haus des Lazarus in Betanien mit der Mutter und den Schwestern des Lazarus
Es ist später Nachmittag am Montag, am Tag nach der Auferstehung des Jesus von Nazareth aus dem Grab.
Als der Vorhang sich hebt: Maria steht rechts, starrt hoch zu den Hügeln.
Martha sitzt auf der linken seite an ihrem Webstuhl nahe der Haustür.
Der Narr sitzt vorne links hinter der Ecke des Hauses an die Wand gelehnt

DAS STÜCK

Maria: (Sich zu Martha wendend) Du arbeitest gar nicht. Du hast in letzter Zeit wenig gearbeitet..

Martha: Es geht dir nicht um meine Arbeit. Meine Untätigikeit bringt dich zum Nachdenken darüber, was der Meister sagte. Oh, geliebter Meister.

Der Narr: Es wird einmal keine Weber mehr geben und niemand der Kleidung tragen wird. Wir alle werden nackig in der Sonne stehen.

(Es folgt eine lange Stille. Die Frauen haben den Narren scheinbar nicht sprechen gehört. Sie hören ihn nie.)

Maria: Es wird spät.

Martha: Ja, ja, ich weiß, es ist spät geworden.

(Die Mutter betritt die Bühne; sie kommt aus der Haustür.)

Mutter: Ist er noch nicht zurück?

Martha: Nein, Mutter, er ist noch nicht zurück.

(Die drei Frauen blicken zu den Hügeln.)

Der Narr: Er selbst wird niemals zurück kommen. Ihr werdet wohl nicht mehr sehen als das Ringen um Atem in seinem Körper.

Maria: Es wirkt, als ob er noch nicht aus der anderen Welt zurück gekehrt ist.

Mutter: Der Tod unseres Meisters hat ihn zutiefst betrübt; und die letzten Tage hat er keinen Bissen herunter bekommen; und ich weiß, das er Nachts keinen Schlaf findet. Ja, der Tod unseres Freundes ist sicherlich die Ursache.

Martha: Nein, Mutter. Da ist noch etwas anderes, etwas, dass ich nicht verstehe.

Maria: Ja, ja, ich weiß da ist noch etwas anderes. Das weiß ich auch. Ich habe es all die Tage gewusst, doch ich kann es nicht erklären. Sein Blick war tiefer. Er starrte mich an, als wenn er durch mich hindurch etwas anderes sieht. Er ist zärtlich, doch diese Zärtlichkeit ist nich für eine anwesende Person. Und er ist still, still, als ob das Siegel des Todes noch seine Lippen verschließt.

(Stille fällt über die drei Frauen.)

Der Narr: Jeder schaut durch jeden hindurch, um weiter zu schauen.

Mutter: (Die Stille durchbrechend) Würde er doch zurück kommen. In letzter Zeit verbrachte er zu viele Stunden allein in den Hügeln. Er sollte hier mit uns sein.

Mary: Mutter, er ist schon lange nicht mehr bei uns gewesen.

Martha: Nun, er war doch immer bei uns, außer diese drei Tage!

Maria: Drei Tage? Drei Tage! Ja, Martha, so ist es; es waren nur drei Tage..

Mutter: Ich wünschte, mein Sohn käme zurück aus den Hügeln.

Martha: Er wird bald kommen, Mutter. Du musst dich nicht sorgen.

Marie: (Mit nachdenklicher Stimme) Ich habe manchmal das Gefühl, dass er nie wieder aus den Hügeln zurük kommt.

Mutter: Da er aus dem Grab zurück kamm, wird er sichderlich auch aus den Hügeln zurück kommen. Und oh, meine Töchter, bedenkt, dass der, der uns sein Leben zurück gab, gerade mal gestern getötet wurde.

Maria: Oh es ist ein Geheimnis wie auch eine Qual.

Mother: Oh, zu denken, dass sie so grausam zu dem sein konnten, der meinen Sohn zurück in mein Herz gab.

(Stille)

Martha: Doch Lazarus sollte nicht solange in den Hügeln verweilen.

Mary: Wenn man träumt ist es leicht, sich in den Olivenhainen zu verlieren. Und ich kenne den Platz, an dem Lazarus liebend gern saß um still vor sich hin zu träumen. Oh, das ist am Ufer eines kleinen Baches. Wenn du den Ort nicht kennst, kannst du ihn nicht finden. Er nahm mich einst mit dorthin und setzte sich auf zwei Steine wie Kinder es tun. Es war im Frühling und kleine Blumen wuchsen zu unseren Füßen. Wir haben im Winter oft von diesem Ort gesprochen. Und wenn er von diesem Ort sprach, leuchteten seine Augen auf sonderbare Weise.

Der Narr: Das sonderbare Licht, dass Schatten wirft auf andere Lichter.

Maria: Ja, Mutter, du weißt, dass Lazarus immer von uns fort war, selbst wenn er bei uns war.

Mutter: Du sagst so vieles, dass ich nicht verstehe.. (Pause) Ich wünschte, mein Sohn käme zurück aus den Hügeln. Ich wünsche, er würde zurück kommen! (Pause) Ich muss nun gehen. Die Linsen werden sicherlich schon zerkocht sein.

(Die Mutter verschwindet durch die Tür.)

Martha: Ich wünschte, ich könnte verstehen, was du so sagst, Maria. Wenn du redest ist es, als wärest nicht du es, die spricht.

Maria: (Ihre Stimme etwas fremdartig) Ich weiß, meine Schwester, ich weiß. Wenn wir sprechen spricht stets jemand anderes.

(Es folgt eine ausgedehnte Stille. Maria ist weit weg mit ihren Gedanken, während Martha sie etwas seltsam beobachtet. Lazarus tritt ein, zurück von den Hügeln. Er wirft sich ins Gras unter den Mandelbäumen neben dem Haus.)

Maria: (Auf ihn zu rennend) Oh Lazarus, du bist müde und erschöft. Du hättest nicht so weit gehen sollen.

Lazarus: (Wie abwesend sprechend) Laufen, laufen und nirgends ankommen; suchen und nichts finden. Dennoch ist es besser, in den Hügeln zu sein.

Der Narr: Nun ja, es ist dennoch ein Stückchen näher an den anderen Hügeln.

Martha: (Nach kurzer Stille) Aber du bist nicht gut drauf und du verlässt uns den ganzen Tag und wir sind so beunruhigt. Als du zurück kamst, Lazarus, machtest du uns glücklich. Aber indem du uns allein lässt, verwandelts du unser Glücklichsein in Angst.

Lazarus: (Sein Gesicht den Hügeln zuwendend) Habe ich euch heute lange zurück gelassen? Befremdlich, dass du einen Moment in den Hügeln als Trennung empfindest. War ich wirklich länger als einen Moment in den Hügeln.

Martha: Du warst den ganzen Tag fort.

Lazarus: Denkt nur; denkt nur! Einen ganzen Tag in den Hügeln; wer kann das glauben?

(Stille. Aus der Haustür tritt die Mutter.)

Mutter: Oh, mein Sohn, ich freue mich, dass du zurück bist. Es ist spät und der Nebel zieht sich über den Hügeln zusammen. Ich fürchtete um dich, mein Sohn.

Der Narr: Sie fürchten sich vor dem Nebel. Und der Nebel ist ihr Anfang und ihr Ende.

Lazarus: Ja, ich bin zurück bei dir aus den Hügeln. Das eigentlich Traurige daran, das eigentlich Traurige daran.

Mutter: Was meinst du, Lazarus? Was ist das eigentlich Traurige daran?

Lazarus: Nichts, Mutter, nichts.

Mutter: Du drückst dich seltsam aus. Ich verstehe dich nicht, Lazarus. Du hast wenig gesprochen seit deiner Rückkehr. Aber was du sagtest, wirkte fremd auf mich.

Martha: Ja, fremd.

(There is a pause.)

Mutter: Und nun verdichtet sich hier der Nebel. Lasst uns ins Haus gehen. Kommt, meine Kinder.

(Die Mutter, nachdem sie Lazarus zärtlich küsste, geht ins Haus.)

Martha: Ja, es liegt Kälte in der Luft. Ich muss meinen Webstuhl und mein Tuch hineinnehmen..

Mary: (An der Seite des Lazarus sitzend, im Gras unter den Mandelbäumen, und zu Martha gewandt ) Das stimmt, die Abende im April sind nicht gut, nicht für deinen Webstuhl, noch für deine Tücher. Möchtest du, dass ich dir helfe, deinen Webstuhl hineinzutragen?

Martha: Nein, nein, dass kann ich selbst. Ich habe das immer allein getan.

(Martha trägt ihren Webstuhl ins Haus, um dann auch die Tücher hineinzutragen. Ein Windstoss zieht vorbei, die Mandelbäume schüttelnd, und ein Blütenblätterregen fällt auf Maria und Lazarus.)

Lazarus: Sogar der Frühling würde uns Trost spenden, and selbst die Bäume würden um uns weinen. Alles Irdische, falls alles Irdische unseren Untergang und unser Verderben kennen würde, würde uns bemitleiden und um uns weinen..

Maria: Aber der Frühling ist da, und obwohl hinter einem Trauerschleier, ist es dennoch Frühling. Lasst uns nicht in Mitleid versinken. Lasst und lieber beides hinnehmen, unsere Sorge und Dankbarkeit. Und lasst uns ihm in süßer Stille staunend entgegenschauen, ihm, der dir Leben gab und dennoch sein eigenes Leben hingab. Lass uns nicht von Mitleid reden, Lazarus.

Lazarus: Schade, schade, dass ich hinweggerissen werden sollte, von tausenden, tausenden Jahren der Herzenssehnsucht, abertausenden Jahren der Sehnuscht nach Liebe. Schade, dass ich nach abertausenden Jahren Frühling in diesen Winter geworfen werde.

Mary: Was willst du sagen, lieber Bruder? Was meinst du, lieber Bruder? Warum sprichst du von abertausenden Frühlingen? Du warst nicht mehr als drei Tage fort von uns. Drei kurze Tage. Aber unsere Sorge überstieg wirklich drei Tage.

Lazarus: Drei Tage? Drei Jahrhundete, drei Zeitalter! Für immer! Für immer mit dem, wonach sich meine Seele sehnte - schon bevor die Zeit begann.

Der Narr: Ja, drei Tage, drei Zeitalter, drei Ewigkeiten. Befremdlich, sie müssen immer alles wiegen und messen. Es dreht sich immer alles um Sonnenuhr und Waage.

Maria: (Mit Verwunderung) Der eine, den deine Seele liebte, bevor die Zeit begann? Lazarus, warum sagst du so etwas? Das ist nicht mehr als ein Traum, den du in einem anderen Garten träumtest. Nun sind wir in unserem Garten, einen Steinwurf entfernt von Jerusalem. Wir sind hier. Und du, mein Bruder, weißt genau, unser Meister möchte dich bei uns haben, um den Traum von Leben und Liebe zu träumen; und er hätte dich gern als glühenden Anhänger, als lebenden Zeugen seiner Herrlichkeit.

Lazarus: Hier ist kein Traum und dort ist kein Erwachen. Du und ich und dieser Garten sind nur eine Illusion, ein Schatten der Wirklichkeit. Das Erwachen ist dort, wo ich mit meiner Geliebten in der Wirklichkeit war

Maria: (Lauter werdend) Deiner Geliebten?

Lazarus: (Ebenso lauter) Meiner Geliebten.

Der Narr: Ja, ja, seiner Geliebten, die Weltraum Jungfrau, jedermanns Geleibte.

Maria: Aber wo ist deine Geliebte? Wer ist deine Geliebte?

Lazarus: Meine Seelenverwandte, die ich hier suchte und nicht fand. Dann kam der Tod, der Engel mit geflügelten Sandale, brachte unsere Sehnsucht zusammen, und ich lebte mit ihr mitten im Herzen Gottes. Und ich wurde ihr ähnlicher und sie mir und wir wurden eins. Wir waren eine in der Sonne glänzende Kugel, wir waren ein Gesang zwischen den Sternen. Dies alles, Maria, all dies und mehr, und ein Ruf, ein Ruf aus der Unendlichkeit, bis eine Stimme, eine Stimme aus der Tiefe, mich rief; und das, was untrennbar war, wurde auseinandergerissen. Und die tausendtausend Jahre mit meiner Geliebten im Weltraum konnten mich nicht vor der Macht jener Stimme bewahren, die mich zurückrief.

Maria: (Zum Himmel blickend) O gesegnete Engel unserer stillen Stunden, lasst mich dies verstehen! Ich würde mich in diesem neuen Land, das der Tod entdeckt hat, nicht fremd fühlen. Sag mehr, mein Bruder, erzähl weiter. Ich glaube von ganzem Herzen, dass ich dir folgen kann.

Der Narr: Folge ihm, wenn du kannst, kleine Frau. Soll die Schildkröte dem Hirsch folgen?

Lazarus: Ich war ein Bach und suchte das Meer, wo meine Liebe wohnt, und als ich das Meer erreichte, wurde ich zu den Hügeln geführt, um wieder zwischen den Felsen zu fließen. Ich war ein Lied, gefangen in der Stille, das sich nach dem Herzen meiner Geliebten sehnte, und als die Winde des Himmels mich befreiten und mich in jenem grünen Wald erklingen ließen, wurde ich von einer Stimme wieder eingefangen und verwandelte mich erneut in Stille. Ich war eine Wurzel in der dunklen Erde, und ich wurde zu einer Blume und dann zu einem Duft, der sich in die Weite erhob, um meine Geliebte zu umhüllen, und ich wurde gepflückt und von Hand gesammelt, und ich wurde wieder zu einer Wurzel, einer Wurzel in der dunklen Erde.

Der Narr: Wenn man eine Wurzel ist, kann man den Stürmen in den Ästen immer entkommen. Und es ist gut, ein fließender Bach zu sein, auch wenn man das Meer schon erreicht hat. Natürlich ist es gut, wenn Wasser bergauf fließt.

Maria: (Zu sich selbst sprechend) Oh, seltsam, überaus seltsam! (Zu Lazarus) Doch, mein Bruder, es ist gut, ein fließender Strom zu sein, und es ist nicht gut, ein noch nicht gesungenes Lied zu sein, und es ist gut, eine Wurzel in der dunklen Erde zu sein. Der Meister wusste all dies, und Er rief dich zu uns zurück, damit wir wissen, dass es keinen Schleier zwischen Leben und Tod gibt. Siehst du nicht, wie ein einziges, in Liebe gesprochenes Wort Elemente zusammenführen kann, die durch eine Illusion namens Tod zerstreut wurden? Glaube und habe Vertrauen, denn nur im Glauben, der unser tieferes Wissen ist, kannst du Trost finden.

Lazarus: Trost! Trost, der tückische, der tödliche! Trost, der unsere Sinne täuscht und uns zu Sklaven der vergänglichen Stunde macht! Ich will keinen Trost. Ich will Leidenschaft! Ich möchte mit meiner Geliebten in der kühlen Weite verbrennen. Ich möchte mit meinem Partner, meinem anderen Ich, in der grenzenlosen Weite sein. O Maria, Maria, einst warst du meine Schwester, und wir kannten einander, selbst als unsere nächsten Angehörigen uns nicht kannten. Nun hör mir zu, hör mir mit deinem Herzen zu.

Maria: Ich höre, Lazarus.

Der Narr: Die ganze Welt soll zuhören. Der Himmel wird nun zur Erde sprechen, doch die Erde ist taub, genau wie du und ich.

Lazarus: Wir waren im Weltraum, meine Geliebte und ich, und wir waren ganz und gar Universum. Wir waren im Licht, und wir waren ganz und gar Licht. Und wir schwebten dahin wie der uralte Geist, der über die Wasserfläche schwebte; und es war für immer der erste Tag. Wir waren die Liebe selbst, die im Herzen der weißen Stille wohnt. Da rief eine Stimme wie Donner, eine Stimme wie unzählige Speere, die den Äther durchbohrten: „Lazarus, komm heraus!“ Und die Stimme hallte und hallte im Raum wider, und ich wurde wie eine Flut, die zur Ebbe wurde; ein gespaltenes Haus, ein zerrissenes Gewand, eine vergeudete Jugend, ein Turm, der einstürzte, und aus seinen zerbrochenen Steinen wurde ein Wahrzeichen errichtet. Eine Stimme rief: „Lazarus, komm hervor!“, und ich stieg herab aus der Villa des Himmels zu einem Grab innerhalb eines Grabes, diesem Körper in einer versiegelten Höhle.

Der Narr: Herr der Karawane, wo sind deine Kamele und wo sind deine Männer? Hat sie die hungrige Erde verschlungen? Hat sie der Simoom mit Sand bedeckt? Nein! Jesus von Nazareth hob seine Hand, Jesus von Nazareth sprach ein Wort; und sag mir nun, wo sind deine Kamele und wo sind deine Männer, und wo sind deine Schätze? Im spurlosen Sand, im spurlosen Sand. Doch der Mond wird immer wiederkehren.

Maria: Oh, es ist wie ein Traum, den man auf einem Berggipfel träumt. Ich weiß, mein Bruder, ich kenne die Welt, die du besucht hast, obwohl ich sie nie gesehen habe. Doch alles, was du erzählst, ist seltsam. Es ist eine Geschichte, die jemand von jenseits eines Tals ruft, doch ich kann sie kaum hören.

Lazarus: Auf der anderen Seite des Tals ist alles ganz anders. Dort gibt es keine Last und kein Maß. Du bist bei deinen Lieben.

(Stille)

Lazarus: O mein Geliebter! O mein geliebter Duft im Raum! Flügel, die sich für mich entfalteten! Sag mir, sag es mir in der Stille meines Herzens: Suchst du mich, und war es ein Schmerz für dich, von mir getrennt zu sein? War auch ich ein Duft und ein Flügel, der sich im Raum entfaltete? Und sag mir nun, meine Geliebte, gab es eine doppelte Grausamkeit, gab es einen Bruder von Ihm in einer anderen Welt, der dich vom Leben in den Tod rief, und hattest du eine Mutter und Schwestern und Freunde, die dies für ein Wunder hielten? Wurde in der Seligkeit eine doppelte Grausamkeit begangen?

Maria: Nein, nein, mein Bruder. Es gibt einen Jesus ur in dieser Welt. Alles andere ist nur ein Traum, so wie auch deine Geliebte.

Lazarus: (Mit großer Leidenschaft) Nein, nein! Wenn Er kein Traum ist, dann ist Er nichts. Wenn Er nicht gewusst hätte, was jenseits von Jerusalem liegt, dann ist Er nichts. Wenn Er meine Geliebte im Universum nicht gekannt hätte, dann wäre Er nicht der Meister gewesen. O mein Freund Jesus, einst hast du mir über den Tisch hinweg einen Kelch Wein gereicht und gesagt: „Trink dies zu meinem Gedächtnis.“ Und du hast ein Stück Brot in das Öl getaucht und gesagt: „Iss das, es ist ein Anteil an meinem Laib.“ Oh mein Freund, du hast deinen Arm um meine Schulter gelegt und mich Sohn genannt. Meine Mutter und meine Schwestern haben in ihren Herzen gesagt: „Er liebt unseren Lazarus.“ Und ich habe dich geliebt. Und dann bist du fortgegangen, um weitere Türme in den Himmel zu bauen, und ich bin zu meiner Geliebten gegangen. Sag mir nun, sag mir, warum hast du mich zurückgebracht? Wusstest du nicht in deinem wissenden Herzen, dass ich bei meiner Geliebten war? Bist du ihr nicht begegnet, als du über den Gipfeln des Libanon umherwanderte? Sicherlich hast du ihr Bild in meinen Augen gesehen, als ich kam und vor dir an der Tür des Grabes stand. Und hast du nicht selbst eine Geliebte in der Sonne? Und würdest du zulassen, dass jemand Größeres als du selbst dich von ihr trennt? Und was würdest du nach der Trennung sagen? Was soll ich dir nun sagen?

Der Narr: Er bat auch mich zurückzukommen, aber ich habe nicht auf ihn gehört, und jetzt nennen sie mich verrückt.

Maria: Lazarus, habe ich einen Geliebten im Himmel? Hat meine Sehnsucht ein Wesen jenseits dieser Welt erschaffen? Und muss ich sterben, um bei ihm zu sein? Oh, mein Bruder, sag mir, habe auch ich einen Gefährten? Wenn dem so ist, wie schön ist es dann, zu leben und zu sterben, und wieder zu leben und wieder zu sterben; wenn ein Geliebter auf mich wartet, um alles zu erfüllen, was ich bin, und ich, um alles zu erfüllen, was er ist!

Der Narr: Jede Frau hat einen Geliebten am Himmel. Das Herz jeder Frau erschafft ein Wesen im Weltraum.

Maria: (Leise vor sich hin murmelnd) Habe ich einen Geliebten am Himmel?

Lazarus: Ich weiß es nicht. Aber wenn du irgendwo, irgendwann einen Geliebten hättest, ein anderes Ich, und du ihm begegnen würdest, gäbe es sicherlich niemanden, der euch trennen könnte.

Der Narr: Er mag hier sein und sie rufen. Doch wie viele andere hört sie es vielleicht nicht.

Lazarus: (Die Mitte der Bühne betretend) Warten, darauf warten, dass jede Jahreszeit die nächste ablöst; und dann darauf warten, dass diese Jahreszeit von einer weiteren abgelöst wird; zusehen, wie alles endet, bevor das eigene Ende kommt – das Ende, das zugleich der Anfang ist. Auf alle Stimmen hören und wissen, dass sie in Stille versinken, alle außer der Stimme des eigenen Herzens, die selbst im Schlaf weinen würde.

Der Narr: Die Kinder Gottes heirateten die Kinder der Menschen. Dann ließen sie sich scheiden. Nun sehnen sich die Kinder der Menschen nach den Kindern Gottes. Ich habe Mitleid mit ihnen allen, den Kindern der Menschen und den Kindern Gottes.

(Stille)

Martha: (In der Tür stehend) Warum kommst du nicht ins Haus, Lazarus? Unsere Mutter hat das Abendessen vorbereitet. (Etwas ungeduldig) Immer wenn du und Maria zusammen seid, redet ihr und redet, und niemand versteht, was ihr sagt.

(Martha bleibt einen Moment stehen und geht dann ins Haus.)

Lazarus: (Vor sich hin sprechend, als hätte er Martha nicht gehört) Oh, ich bin völlig erschöpft. Ich bin am Ende; ich habe Hunger und Durst. Wäre es möglich, dass du mir doch etwas Brot und Wein gibst.

Maria: (Geht zu ihm und legte ihren Arm um ihn) Das werde ich, das werde ich, mein Bruder. Aber komm doch erst einmal ins Haus. Unsere Mutter hat das Abendessen vorbereitet.

Der Narr: Er bittet um Brot, das sie nicht backen können, und um Wein, für den sie keine Flaschen haben.

Lazarus: Sagte ich, ich sei ungrig und durstig? Ich habe keinen Hunger nach deinem Brot und keinen Durst nach deinem Wein. Ich sage dir: Ich werde kein Haus betreten, bis die Hand meiner Geliebten auf dem Türgriff liegt. Ich werde mich nicht an den Festtisch setzen, bis sie an meiner Seite ist.

(Die Mutter blickt aus der Haustür.)

Mutter: Nun, Lazarus, warum bleibst du da draußen im Nebel stehen? Und du, Maria, warum kommst du nicht ins Haus? Ich habe die Kerzen angezündet und das Essen steht auf dem Tisch, und doch bleibst du draußen stehen, plapperst und stotterst deine Worte im Dunkeln.

Lazarus: Meine eigene Mutter würde mich in ein Grab führen. Sie würde mich essen und trinken lassen, und sie würde mich sogar auffordern, mich unter verhüllte Gesichter zu setzen, die Ewigkeit aus verwelkten Händen zu empfangen und Leben aus Tonbechern zu schöpfen.

Der Narr: Weißer Vogel, der du nach Süden flogst, wo die Sonne alles liebt, was hielt dich in der Luft, und wer brachte dich zurück? Es war dein Freund, Jesus von Nazareth. Er brachte dich aus Mitleid mit den Flügellosen zurück, die nicht mitkommen konnten. Oh, weißer Vogel, hier ist es kalt, und du zitterst, und der Nordwind lacht in deinem Gefieder.

Lazarus: Ihr seid in einem Haus und unter einem Dach. Ihr seid zwischen vier Wänden, mit einer Tür und einem Fenster. Ihr seid hier, und ihr seid blind. Euer Verstand ist hier, und mein Geist ist dort. Ihr seid ganz und gar auf der Erde; ich bin ganz und gar im Universum. Ihr schleicht euch in Häuser, und ich flog darüber hinweg auf den Berggipfel. Ihr seid alle Sklaven, der eine des anderen, und ihr betet nur euch selbst an. Du schläfst und träumst nicht; du wachst auf, doch wanderst nicht durch die Hügel. Und gestern war ich deiner und des Lebens überdrüssig, und ich suchte die andere Welt, die ihr Tod nennt, und wäre ich gestorben, so wäre es aus Sehnsucht geschehen. Nun stehe ich hier in diesem Augenblick und leiste Widerstand gegen das, was ihr Leben nennt.

Martha: (Die aus dem Haus kam, während Lazarus sprach) Doch der Meister sah unseren Kummer und unseren Schmerz, und Er rief dich zu uns zurück, und dennoch lehnst du dich auf. Oh, welch ein Gewebe, das sich gegen seinen eigenen Weber auflehnt! Welch ein Haus, das sich gegen seinen eigenen Erbauer auflehnt!

Maria: Er kannte unsere Herzen und war uns gnädig, und als Er unserer Mutter begegnete und in ihren Augen einen toten, begrabenen Sohn sah, ergriff ihr Kummer Ihn, und für einen Augenblick verharrte Er still und schwieg. (Pause) Dann folgten wir Ihm zu deinem Grab.

Lazarus: Ja, es war der Kummer meiner Mutter und dein Kummer. Es war Mitleid, Selbstmitleid, das mich zurückbrachte. Wie egoistisch ist Selbstmitleid, und wie tiefgreifend. Ich sage, dass ich mich auflehne. Ich sage, dass selbst die Göttlichkeit den Frühling nicht in Winter verwandeln sollte. Ich war voller Sehnsucht auf die Hügel gestiegen, und dein Kummer brachte mich zurück in dieses Tal. Du wolltest einen Sohn und einen Bruder, der dich durch das Leben begleitet. Eure Nachbarn wollten ein Wunder. Ihr und eure Nachbarn, wie schon eure Väter und Vorfahren, würdet ein Wunder erleben, damit ihr an die einfachsten Dinge im Leben glauben könnt. Wie grausam seid ihr und wie hart sind eure Herzen, und wie dunkel ist die Nacht eurer Augen. Deshalb stürzt ihr die Propheten von ihrer Herrlichkeit hinab in eure Freuden, und dann tötet ihr die Propheten.

Martha: (Vorwurfsvoll) Du nennst unsere Trauer Selbstmitleid. Was ist dein Wehklagen anderes als Selbstmitleid? Sei still und nimm das Leben an, das der Meister dir geschenkt hat.

Lazarus: Er hat mir nicht das Leben geschenkt, sondern dir mein Leben geschenkt. Er hat mir mein Leben genommen, das mir so lieb war, und es dir gegeben – ein Wunder, das dir Augen und Ohren öffnen soll. Er hat mich geopfert, so wie er sich selbst geopfert hat. (Zum Himmel gewandt) Vater, vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun.

Mary: (Voller Ehrfurcht) Er war es, der genau diese Worte sprach, als er am Kreuz hing.

Lazarus: Ja, Er sprach diese Worte für mich wie für sich selbst und für all die Unbekannten, die verstehen und doch nicht verstanden werden. Hat Er diese Worte nicht gesprochen, als deine Tränen Ihn um mein Leben anflehten? Es war dein Wunsch und nicht Sein Wille, der Seinen Geist dazu veranlasste, vor der versiegelten Tür zu stehen und die Ewigkeit zu drängen, mich dir zu überlassen. Es war die uralte Sehnsucht nach einem Sohn und einem Bruder, die mich zurückbrachte.

Mutter: (Sie geht auf ihn zu und legt ihren Arm um seine Schultern.) Lazarus, du warst immer ein gehorsamer und liebevoller Sohn. Was ist mit dir geschehen? Bleib bei uns und vergiss all das, was dich bedrückt.

Lazarus: (Seine Hand hebend) Meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern sind diejenigen, die auf meine Worte hören.

Maria: Das sind ebenso Seine Worte.

Lazarus: Ja, und Er sprach diese Worte sowohl für mich als auch für sich selbst, für all jene, deren Mutter die Erde und deren Vater der Himmel ist, und für all jene, die frei von einem Volk, einem Land und einer Rasse geboren wurden.

Der Narr: Kapitän meines Schiffes, der Wind füllte die Segel, und du trotztest dem Meer; und du suchtest die gesegneten Inseln. Welcher andere Wind hat deinen Kurs geändert, und warum bist du an diese Küsten zurückgekehrt? Es war Jesus von Nazareth, der dem Wind mit einem Hauch seines eigenen Atems gebot und dann das Segel füllte, wo es leer war, und es entleerte, wo es voll war.

Lazarus: (Plötzlich vergisst er sie alle, hebt den Kopf und breitet die Arme aus.) O meine Geliebte! In deinen Augen lag die Morgendämmerung, und in dieser Morgendämmerung lag das stille Geheimnis einer tiefen Nacht und das stille Versprechen eines ganzen Tages, und ich war erfüllt, und ich war ganz. O meine Geliebte, dieses Leben, dieser Schleier, liegt nun zwischen uns. Muss ich diesen Tod leben und wieder sterben, damit ich wieder leben kann? Muss ich verweilen, bis all diese grünen Dinge vergilben und dann wieder kahl werden, und noch einmal? (Pause) Oh, ich kann Ihn nicht verfluchen. Aber warum, von allen Menschen, warum sollte gerade ich zurückkehren? Warum sollte gerade ich, von allen Hirten, nach den grünen Weiden wieder in die Wüste zurückgetrieben werden?

Der Narr: Wenn du zu denen gehört hättest, die fluchen, wärst du nicht so jung gestorben.

Lazarus: Jesus von Nazareth, sag mir doch, warum hast du mir das angetan? War es fair, dass ich hingelegt wurde, ein bescheidener, demütiger, trauriger Stein, der zur Höhe deiner Herrlichkeit führt? Jeder der Toten hätte dazu dienen können, dich zu verherrlichen. Warum hast du diesen Liebenden von seiner Geliebten getrennt? Warum hast du mich in eine Welt gerufen, von der du in deinem Herzen wusstest, dass du sie verlassen würdest? (Dann mit lauter Stimme rufend) Warum – warum – warum hast du mich aus dem lebendigen Herzen der Ewigkeit in diesen lebendigen Tod gerufen? O Jesus von Nazareth – ich kann dich nicht verfluchen! Ich kann dich nicht verfluchen. Ich möchte dich segnen. (Stille. Lazarus wirkt wie jemand, dessen Kraft wie ein Strom versiegt ist. Sein Kopf sinkt nach vorne, fast bis auf die Brust. Nach einem Augenblick schrecklicher Stille hebt er den Kopf wieder und ruft mit verklärtem Gesicht und tiefer, ergreifender Stimme.) Jesus von Nazareth! Mein Freund! Wir sind beide gekreuzigt worden. Vergib mir! Vergib mir. Ich segne dich – jetzt und in Ewigkeit.

(In diesem Moment taucht der Jünger auf, der aus Richtung der Hügel herangelaufen kommt.)

Maria: Philippus!

Philippus: Er ist auferstanden! Der Meister ist von den Toten auferstanden und hat sich nun nach Galiläa begeben.

Der Narr: Er ist auferstanden, doch Er wird noch tausendmal gekreuzigt werden.

Maria: Philippus, mein Freund, was sagst du?

Martha: (Stürmt auf den Jünger zu und packt ihn an den Armen) Wie froh ich bin, dich wiederzusehen. Aber wer ist auferstanden? Von wem sprichst du?

Mutter: (Auf Philippus zugehend) Komm herein, mein Sohn. Du sollst heute Abend mit uns zu Abend essen.

Philippus: (Von ihren Worten nicht beeindruckt) Ich sage, der Meister ist von den Toten auferstanden und nach Galiläa gegangen.

(Es kehrt tiefe Stille ein.)

Lazarus: Nun hört mir alle zu. Wenn er von den Toten auferstanden ist, werden sie ihn erneut kreuzigen, doch sie werden ihn nicht allein kreuzigen. Nun werde ich ihn verkünden, und sie werden auch mich kreuzigen.

(Er dreht sich voller Begeisterung um und geht in Richtung der Hügel.)

Lazarus: Meine Mutter und meine Schwestern, ich werde dem folgen, der mir das Leben geschenkt hat, bis er mir den Tod schenkt. Ja, auch ich werde gekreuzigt werden, und diese Kreuzigung wird dieser Kreuzigung ein Ende bereiten.

(Stille)

Lazarus: Nun werde ich Seinen Geist suchen, und ich werde befreit sein. Und auch wenn sie mich in eiserne Ketten legen, werde ich nicht gefesselt sein. Und auch wenn tausend Mütter und tausendtausend Schwestern meine Gewänder festhalten, werde ich nicht festgehalten werden. Ich werde mit dem Ostwind gehen, wohin der Ostwind weht. Und ich werde meine Geliebte im Sonnenuntergang suchen, wo all unsere Tage Frieden finden. Und ich werde meine Geliebte in der Nacht suchen, wo alle Morgen schlafen. Und ich werde der einzige Mensch unter allen Menschen sein, der zweimal das Leben erlitten hat, und zweimal den Tod, und zweimal die Ewigkeit erkannt hat.

(Lazarus blickt in das Gesicht seiner Mutter, dann in die Gesichter seiner Schwestern, schließlich in das Gesicht von Philippus; dann wieder in das Gesicht seiner Mutter. Dann dreht er sich, als wäre er ein Schlafwandler, um und rennt auf die Hügel zu. Er verschwindet. Sie sind alle fassungslos und erschüttert.)

Mutter: Mein Sohn, mein Sohn, komm zurück zu mir!

Maria: Mein Bruder, wohin gehst du? Ach komm, mein Bruder, komm zurück zu uns.

Martha: (Wie zu sich selbst) Es ist so dunkel, dass ich weiß, dass er sich verlaufen wird.

Mutter: (Fast schon schreiend) Lazarus, mein Sohn!

(Stille)

Philippus: Er ist dorthin gegangen, wohin wir alle gehen werden. Und er wird nicht zurückkehren.

Mutter: (Geht ganz nach hinten, dorthin, wo Lazarus verschwunden ist) Lazarus, Lazarus, mein Sohn! Komm zurück zu mir!

(Es herrscht Stille. Die Schritte des Lazarus verhallten in der Ferne.)

Der Narr: Nun ist er fort, und du kannst ihn nicht mehr erreichen. Und nun muss deine Trauer sich jemand anderen suchen. (Er hällt inne.) Armer, armer Lazarus, der erste der Märtyrer und der größte von ihnen allen.

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Maibaum
Foto Khalil Gibran: Urheber unbekannt

Beschreibung dieses Theaterstücks

Englisch - Lazarus and his beloved

LAZARUS AND HIS BELOVED bei Amazon

Liste aller Bücher von Khalil Gibran